Ich wollte doch nur kurz einen Leistenbruch reparieren lassen
Eine Chronologie für alle, die freundlicherweise fragen, wie es mir geht
Wenn du mir in den letzten Wochen geschrieben, telefoniert oder mich besucht hast, hast du meistens eine sehr knappe Antwort bekommen. Das lag nicht an der Höflichkeit, sondern an der Energie. Also schreibe ich es einmal auf, der Reihe nach, damit ich es nicht dreissigmal erzählen muss – und damit niemand von euch das Gefühl hat, ich hätte ihn absichtlich im Dunkeln gelassen.
Zwei Dinge vorweg. Erstens: Der Text ist anonymisiert und bewusst neutral gehalten. Ich klage niemanden an und ich urteile nicht. Das steht mir nicht zu, und ehrlich gesagt habe ich auch keine Kraft dafür. Es ist eine Aufzählung von Fakten, mehr nicht. Zweitens, und das ist wichtiger: Es kommt gut. Das ist nicht der versöhnliche Satz am Schluss, den man halt so schreibt. Das ist der Rahmen, in dem alles andere steht. Alles, was jetzt kommt, ist bereits Vergangenheit.
Man soll nie gesund zum Arzt gehen
Am 2. Juli ging ich zum Hausarzt. Freiwillig. Bei bester Laune. Ich hatte den Verdacht auf einen Leistenbruch, und da ich die Fünfundfünfzig überschritten habe, dachte ich mir: Wenn ich schon dort bin, machen wir gleich noch einen Generalcheck. Man ist ja vernünftig geworden mit den Jahren.
Es folgte, was folgen muss. Am 6. Juli ein Ultraschall des Bauchs. Am selben Tag hatte ich zusätzlich starke Rückenschmerzen, eine ordentliche Verkrampfung, die ich bei der Gelegenheit gleich mitzeigen liess. Man ist ja effizient. Am 14. Juli dann die Untersuchung beim Bauchspezialisten mit der Bestätigung: ziemlich sicher ein Leistenbruch. Ein Spitaltermin wurde vereinbart. Wenn einseitig, eventuell sogar ambulant. Wenn beidseitig, dann halt eine Nacht im Spital. «Das ist ja heute Routine!»
Die Vorbereitung, oder: Wie viel Blut braucht ein Mensch
Am 20. Juli gab ich beim Hausarzt Blut ab für ein grosses Blutbild – Stichwort Altersbesprechung. Am 22. Juli war die Anästhesie-Sprechstunde im Spital. Dort war plötzlich von vier Tagen die Rede, die für mich reserviert seien. Das kam mir grosszügig vor für einen Eingriff, der angeblich zwischen zwei Kaffeepausen erledigt ist. Nach Rücksprache mit dem Bauchspezialisten wurden die vier Tage als absolutes Maximum relativiert, für den Problemfall, wobei weiterhin von vielleicht einer Nacht gesprochen wurde. Ich habe das damals für spitalinterne Bürokratie gehalten. Vier Tage waren aber, wie sich zeigen sollte, doch zu optimistisch.
Am 29. Juli die Besprechung der Blutwerte. Dabei stellte sich heraus, dass mein Blut ausschliesslich im Hinblick auf die geplante Operation untersucht worden war. Vom Generalcheck, wegen dem ich ursprünglich überhaupt erst losmarschiert war, keine Spur. Also nochmals Blut abgeben. Der zweite Anlauf brachte dann das Ergebnis, das ich hier gerne stehen lasse, weil es später noch eine gewisse Ironie entfaltet: Ich bin im Grundsatz kerngesund. Zwei kleine Baustellen, Blutdruck und eventuell überhöhte Zuckerwerte, aber das kriegen wir in den Griff. Also: kerngesund.
Der 4. August
Operation. Beide Seiten mussten gemacht werden, und die erste Seite war vor rund fünfundzwanzig Jahren schon einmal operiert worden, was die Sache etwas komplizierter machte. Am 5. August wurde ich entlassen. Damit lag ich klar innerhalb der Prognose von «ambulant» bis maximal einen Tag. Ich war ausgesprochen zufrieden mit mir. Ich hatte das Gefühl, ich hätte das ganz gut gemacht.
Am 6. August begannen die starken Schmerzen.
«Das legt sich schon»
Am 7. August wollte ich eine Nachkontrolle, weil da etwas nicht stimmte. Grosse Schmerzen, ein geschwollener Hodensack. Die Auskunft war, das lege sich schon, sobald sich die Schmerzmittel eingestellt hätten. Ich bin kein Mediziner, ich hatte keine bessere Theorie anzubieten, und der eigene Körper ist ein notorisch unzuverlässiger Zeuge. Also wartete ich.
Am 10. August wartete ich nicht mehr und verlangte eine erneute Nachkontrolle. Untersucht wurde ich vom Partner des Bauchspezialisten, weil dieser ab diesem Tag in den Ferien war.
Wenn ich aus diesen ganzen Wochen eine einzige Sache mitgeben darf, dann diese: Wenn dein Körper dir sagt, dass etwas nicht stimmt, dann stimmt etwas nicht. Sei höflich, sei freundlich, sei dankbar – aber sei hartnäckig. Diese eine erzwungene Kontrolle war vermutlich die beste Entscheidung meines Sommers.
Der 10. August, zweiter Teil
Einlieferung als Notfall. Mehrstündige Operation. Der Dickdarm hatte ein Loch und hatte sich tagelang in den ganzen frisch operierten Bauchraum entleert. Leisten und Hoden ebenfalls betroffen. Es wurde ein Stoma gelegt.
Am 11. August folgte eine weitere Operation, bei der ein Hoden entfernt werden musste. Ich habe an dieser Stelle sämtliche naheliegenden Witze durchgespielt – «one egg is wegg» und ähnlich hochstehende Beiträge –, aber diese dummen Sprüche behalten wir für den persönlichen Gebrauch.
Die drei M
Am 12. August durfte ich teilweise aufs Zimmer, aber es ging schlecht, ich musste viel erbrechen. Am 13. August wurde eine Magensonde gelegt, und danach ging es tatsächlich etwas besser. Ich hätte vorher nicht geglaubt, dass ich einmal dankbar für einen Schlauch in der Nase sein würde. Man revidiert seine Ansprüche erstaunlich schnell.
Bis zum 20. August lag ich auf der Intensivstation. Die Bilanz dieser Woche lässt sich mit drei Wörtern zusammenfassen, die alle mit M beginnen: matt, müde, motivationslos. Das kam nicht in erster Linie von der Operation, sondern vom vielen Liegen und der fehlenden Bewegung. Wer mich kennt, weiss, dass Stillliegen nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört. Die Intensivstation ist ein Ort, an dem der Körper heilt und der Kopf sich langweilt – oder intensiv arbeitet und doch nichts umsetzen kann. Beides gleichzeitig auszuhalten ist erstaunlich anstrengend.
Am 19. August wurde die Magensonde gezogen, und laufend wurden diverse Drainagen entfernt. Ich habe angefangen, die Anzahl Schläuche als Fortschrittsanzeige zu lesen. Jeder gezogene Schlauch war ein kleiner Feiertag. Am 20. August die Verlegung auf ein normales Zimmer.
Wo ich jetzt stehe
Und hier stehe ich, 22. August 2026, morgens um vier, schlaflos, während ich das schreibe. Normales Zimmer, nur noch eine Drainage durch den gesamten Bauchraum. Aus einem Routineeingriff wurden ein Notfall, drei Operationen, eine Woche Intensivstation und ein Stoma. Aus «vielleicht eine Nacht» wurde ein halber Sommer.
Was ich nicht weiss: wann und wie schnell ich wieder richtig fit bin. Das weiss im Moment ehrlicherweise noch niemand, und ich habe aufgehört, Prognosen einzufordern. Ich habe in diesem Sommer gelernt, wie wenig Zeitpläne wert sind, wenn der Körper anderer Meinung ist.
Was ich aber weiss: Es geht aufwärts. Nicht in Sprüngen, sondern in diesen kleinen Einheiten – ein Schlauch weniger, ein Gang über den Flur. Man lernt, in solchen Einheiten zu rechnen, und man lernt es schneller, als man denkt.
Und was ich vor allem weiss: Ich bin durch das Schlimmste durch. Es hat rundherum sehr viele Menschen gegeben, die in diesen Wochen sehr viel richtig gemacht haben – die Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal im Spital, meine Familie, mein Freundeskreis. Auch die Nachrichten, auf die ich nicht oder viel zu kurz geantwortet habe, sind angekommen. Alle.
Der Generalcheck, wegen dem ich das alles angefangen habe, hat übrigens ergeben, dass ich im Grundsatz kerngesund bin. Zwei kleine Baustellen. Aber auch die kriegen wir noch in den Griff.
Es kommt gut. Es dauert einfach ein bisschen.
